Katzenelend

Jeder Tierschutzverein und jedes Tierheim kennt wohl das Problem der privaten *Massentierhaltung*. Es darf sich leider jeder so viele Tiere halten, wie er möchte, solange daraus keine Gefahr für andere Menschen entsteht. Wie es den Tieren dabei ergeht wird selten überprüft. Eingegriffen wird erst, wenn es auf gut Deutsch gesagt "bis zum Himmel stinkt".

Solche Fälle habe ich mehrfach erlebt. Mein erster großer Einsatz in dieser Richtung kam gleich zu Beginn meiner Tätigkeit im Tierheim. Wir hatten vom Veterinäramt einen Anruf bekommen und wurden aufgefordert, uns bei einer bevorstehenden Räumung um die Tiere zu kümmern und sie im Tierheim unterzubringen. Es sollten ca. 30 Katzen sein. Am Tage null packten wir alle zur Verfügung stehenden Boxen in unseren Bus und fuhren zu der uns angegebenen Adresse. Für meine Kollegin war der Mann, bei dem wir räumen sollten, kein Fremder. Schon Jahre zuvor hatte man aus seinem Haus zig Katzen geholt (allesamt krank und verwahrlost). Bei unserer Ankunft sahen wir, dass das Ordnungsamt und die Polizei schon vor Ort waren. Man versuchte, sich gütlich mit dem Mann zu einigen, der seine Katzen nicht hergeben wollte. Da man wusste, dass dieser Mann zu Gewalttätigkeiten neigte, war man vorsichtig. Plötzlich zog sich der Mann kurz in´s Haus zurück und kam mit einer erhobenen Axt wieder zum Vorschein. Aber die Polizei war schneller, überwältigte ihn und führte ihn in Handschellen ab. Der Mann kam an unserem Bus vorbei, und schaute uns direkt in´s Gesicht. Dieser Blick ging mir durch Mark und Bein. Er drückte Wut, Angst und Hilflosigkeit gleichermaßen aus. In diesem Moment tat mir der Mann sehr leid.

Als ich aber dann in das Haus ging, um mit meinen Kollegen und anderen Helfern die Katzen einzufangen, packte mich die Wut. Die Lebensgefährtin des soeben verhafteten Mannes war noch im Haus und jammerte, weil man ihre Lieblinge wegnehmen wollte. Ihre "Lieblinge"!!!! Welch ein Hohn!! Das Haus glich einer Müllhalde!!. Nirgends war auch nur ein kleines Fleckchen, das nicht kotverschmiert, dreckig, verschimmelt oder voller Urin war. Einfach abartig. Obwohl es uns verboten wurde, zu fotografieren, konnten wir heimlich diese Aufnahme vom "Badezimmer" machen.

Und so wie im Bad sah es im ganzen Haus aus. Unrat und Kot, so weit das Auge reichte. Von den Katzen war fast keine zu sehen. Sie waren durch die vielen fremden Stimmen sehr verstört und hatten sich alle versteckt. Da jedes Zimmer mit Möbeln und Abfallsäcken  vollgestopft war, erwies sich das Einfangen als recht problematisch. Wir durchwühlten jede Ecke, jeden Schrank, jede Schublade. Zwischenzeitlich bot uns die "Herrin des Hauses" einen Kaffee an. Wir lehnten alle dankend ab!!

Da unsere Boxen nicht ausgereicht hatten, war meine Kollegin zurück zum Tierheim gefahren und hatte die eingefangenen Katzen schon mal in den Zimmern untergebracht, die wir für sie vorbereitet hatten. Die Katzen, die in einem sehr schlechten Zustand waren, brachte sie gleich zum Tierarzt. Darunter waren auch einige Katzenbabies, die zum größten Teil eingeschläfert werden mussten. Als wir dann nach etlichen Stunden alle Tiere eingefangen hatten, zogen wir traurige Bilanz: 50 Katzen, die allesamt verfloht, vermilbt und äusserst verstört waren, Durchfall hatten und einen jämmerlichen Eindruck machten.

Unser Tierheim drohte, aus den Nähten zu platzen. Auf einen Schlag so viele Tiere aufnehmen zu müssen grenzte an eine Katastrophe. Zumal es noch einige Wochen dauerte, bis die "Eigentumsrechte" auf den Tierschutzverein übergingen und wir die Katzen vermitteln durften. Gleich zu Anfang mussten ca. 15 Katzen aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands eingeschläfert werden. Die anderen Tiere verteilten wir auf 2 große und 4 kleinere Zimmer. Nachdem wir uns die Tiere etwas näher angeschaut hatten, fanden wir sogar zwei Katzen, die eine Tätowierung im Ohr hatten. Wir freuten uns tierisch, hofften wir doch, den rechtmäßigen Besitzer ausfindig machen zu können. Wie sich dann nach vielen Telefonaten herausstellte, hatten die Vorbesitzer die beiden Katzen von einer Tierschutzorganisation übernommen, sie aber dann an die oben erwähnte Frau weitergegeben, die ja sooooooo tierlieb sei und sich um sooooooo viele Katzen kümmern würde!!! Welch ein Hohn!! Jedenfalls wollten sie die Katzen nicht zurückhaben. (Ich erinnere mich deswegen so gut an die beiden, weil ich sie "Mario" und "Luigi" getauft hatte. Sie wurden nach einiger Zeit nach München an eine ältere Dame vermittelt. Als ich Wochen später zu einem Seminar nach Neubiberg (bei München) musste, besuchte ich die beiden und konnte mich davon überzeugen, dass sie einen guten Platz gefunden hatten!!)

Die Katzen gewöhnten sich recht schnell an ihre neue Umgebung und wurden immer zutraulicher. So konnten wir sie nach und nach in gute Hände vermitteln.

Einige Jahre später mussten wir erneut bei diesem Mann räumen!!! ´Trotz Tierhalteverbot  war es ihm wieder gelungen, ca. 30 Katzen "zu sammeln", die wir abermals aufnehmen mussten. Obwohl die Katzen recht gut genährt aussahen, stellte sich nach einigen Wochen heraus, dass alle einen erhöhten FIP-Titter hatten. Da die Chancen, ein FIP positives Tier zu vermitteln sehr gering sind, und um die anderen Katzen im Tierheim nicht zu gefährden, erwogen die Vorstandschaft und der Tierarzt, diese Tiere einzuschläfern. Mir wurde ganz schlecht bei der Vorstellung, hatten sich die Tiere doch recht gut entwickelt und wirkten nicht krank. ich bat darum, dass man so eine "Aktion" zumindest an einem Tag vornehmen solle, an dem das Tierheim geschlossen war. Die Vorstellung, mich "danach" mit einem freundlichen Lächeln um die Besucher kümmern zu müssen, war grauenhaft.

Doch meine Bitte wurde nicht erhört. Gleich am nächsten Tag kam der Anruf: "Wir sind in 20 Minuten da" Es war gegen 12.20 Uhr, die Besucher würden um 14.00 Uhr eintrudeln. Ich war am Boden zerstört und schloß mich für ein paar Minuten im Personalklo ein, weil ich diese Nachricht erst mal verdauen musste. Dann informierte ich meine Kollegin, die genauso schockiert war wie ich. Hatte sie doch gerade erst diese Katzen versorgt. Als der Tierarzt eintraf, meinte er, dass ich nicht mitgehen müsse. Er und seine Helferin könnten das auch alleine machen. (Er wusste ja, dass Katzen meine besonderen Lieblinge waren) Aber so feige wollte ich nun auch nicht sein. Ich ging mit.

Ich muss wohl niemandem erklären, wie mir in diesem Moment zumute war. 28 Katzen mussten eingeschläfert werden. Die ein oder andere Katze hätte man vielleicht vermitteln können. Aber wer hätte entscheiden sollen, welche leben durfte und welche nicht, waren sie doch alle gleichermaßen betroffen.Eine der Katzen wollte von meinem Arm abspringen und zerkratzte mir mit ihrem Hinterlauf den Unterarm. Davon habe ich eine lange Narbe zurückbehalten, die mich mein Leben lang an dieses schreckliche Ereignis erinnern wird.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich in einem benachbarten Landkreis. Der dort ansässige Tierschutzverein hatte uns  und einen weiteren Verein um Hilfe gebeten, weil man keine Unterbringungsmöglichkeit für Katzen hatte. Uns wurde gesagt, dass es sich um ca. 10 - 12 Katzenbabies handeln würde, die aufgenommen werden müssten. Die älteren Tiere sollten bei der Besitzerin bleiben und ggf. kastriert werden. Ausserdem bat man uns, falls möglich, in dem Haus ein bisschen sauber zu machen, weil die Besitzerin seit längerem krank war. Also bewaffneten wir uns mit Putzeimern, Transportboxen, Desinfektionsmmitteln, und machten uns auf den Weg.

Der andere Verein war schon vor Ort und hatte am Tag zuvor die meisten der Babies bereits eingefangen. Man bereitete uns auf das Schlimmste vor. "Es sieht grauenhaft aus da drinnen!!!" hieß es. Im oberen Stockwerk sollten sich auch etliche Katzen befinden. Man hatte mal kurz reingeschaut, aber die Tür gleich wieder geschlossen, weil der Gestank bestialisch war. Wir hatten ja schon so manchen Einsatz in dieser Richtung gehabt, aber was uns im 1. Stock erwartete, übertraf bei Weitem alle vorherigen "Räumungen"!!!

Der Fußboden war mit Kot und Urin übersät. Glitschig und schmierig. Wir mussten bei jedem Schritt aufpassen, dass wir nicht ausrutschten. Die wenigen Möbel waren urin- und kotdurchtränkt und zerfielen. Katzenklos, die vor langer Zeit aufgestellt worden waren, liefen über. Die Fenster waren blind, die Vorhänge zerfetzt, und an den Scheiben konnte man die Kratzspuren sehen, die die verzweifelten Tiere hinterlassen hatten, bei dem Versuch, aus dieser Hölle zu entkommen.

         

Nun war keine Rede mehr davon, dass auch nur ein Tier in dieser schrecklichen Umgebung bleiben sollte. Unsere Putzutensilien packten wir gar nicht erst aus. Wir machten uns ans Werk und fingen an, die ca. 20-25 Katzen einzufangen. Die meisten hatten sich, wie erwartet, versteckt. Also mussten wir jeden Winkel durchstöbern und fanden sogar in dem Herd auf obigem Foto 2 halbwüchsige schwarze Katzen. Einige der Tiere waren in sehr schlechtem Zustand. Die schlimmsten Fälle brachten wir sofort zum Tierarzt, der sie nur noch erlösen konnte. Unter einem Sofa fanden wir ein halb verwestes Tier, im Keller 3 weitere tote Katzen. Da es hunderte von Versteckmöglichkeiten gab, dauerte es recht lange, bis wir alle Tiere eingefangen hatten. Doch nach einigen Stunden hatten wir es geschafft!!! Der andere Verein übernahm alle Babies und die Kaninchen, die man in einem "Gartenhaus" gefunden hatte. Und wir hatten 36 Neuzugänge (von denen, wie schon gesagt, einige sofort eingeschläfert werden mussten) die verschnupft, verfloht und verwurmt waren. Die meisten hatten Durchfall.

Gott sei Dank brachten wir alle durch und konnten sie nach und nach vermitteln!!!! Die Besitzerin der Katzen wurde für etliche Wochen in eine Nervenklinik eingewiesen.

Meine Gedanken zu diesen Vorfällen

Warum erfährt man immer erst so spät von solchen Zuständen??? Die Nachbarn waren einstimmig der Meinung, dass es höchste Zeit war, dass etwas unternommen wurde. Also mussten sie doch, zumindest zum Teil, gewusst haben, wie es in diesen Häusern aussah. Im 2. Fall ist es dem Hausarzt der Frau zu verdanken, dass man tätig wurde. Er hatte das Gesundheitsamt verständigt und sich geweigert, die Frau weiterhin zuhause zu behandeln.

In beiden Fällen war genügend Geld vorhanden, um dem Tierschutzverein einen Teil der entstandenen Kosten zu ersetzen. Also war es nicht Geldmangel, der zu diesen Zuständen geführt hatte Es gibt leider Menschen, die in ihren falschen und übertriebenen Tierliebe alles aufnehmen, was ihnen über den Weg läuft. Irgendwann verlieren sie dann den Überblick, trauen sich aber wohl nicht mehr, um Hilfe zu bitten. Teilweise sind sie sogar davon überzeugt, dass es den Tierchen doch gut geht!!! Auf jeden Fall besser als in einem Tierheim!!

Wie krank muss man sein, um nicht zu merken, dass man nur noch von Unrat, Kot und Abfall umgeben ist?? Diese Leute hatten ja selber in dieser Umgebung gelebt. geschlafen, gegessen. Abartig!!!

"Jeder hat ein Recht auf Verwahrlosung" sagt unsere Rechtsprechung.

Aber wie weit darf diese Verwahrlosung gehen??? Warum darf man erst eingreifen wenn Gefahr für andere droht??? Warum schauen so viele weg, anstatt Hilfe anzubieten, die Behörden oder den Tierschutzverein zu verständigen???

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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